Cubase SX 3 läutet auch von der Hardware her eine neue Ära ein - jedoch anders als man erst glauben mag...
So liest man schon auf der Packung: "DVD-ROM required". Die Vermutung bestätigt sich: Cubase wird erstmals komplett auf DVD ausgeliefert. Was Steinberg dazu bewogen hat, ist uns allerdings ein Rätsel. Eine normale CD hätte hier vollkommen ausgereicht. Es ist zwar allerlei nützlicher Zusatzcontent auf der CD (dazu später), allerdings hätte man die 1,2 GB auch ohne Probleme so zusammenkürzen können, dass sie auf eine normale CD gepasst hätten... Das 250 MB große Werbevideo für Wavelab ist zwar wirklich schön anzusehen, rechtfertigt die "DVD" aber unserer Meinung nach noch nicht unbedingt, denn obwohl sich DVD-Laufwerke heute schon als Standard etabliert haben gibt es gerade im Audiobereich noch diverse User die noch mit einem älteren Rechner arbeiten...
Installation
Mit etwas mehr als 100 MB ist Cubase SX 3 sehr genügsam, was die Festplatten-Nutzung angeht... Als Mindest-Konfiguration ist ein 800-MHz PC (bzw. ein G4 mit 867 MHz) und 384 MB RAM angegeben. Hier sollte man sich aber nichts vormachen: Wirklich intuitives Arbeiten mit Cubase SX 3 ist mit derartiger Ausstattung nur eingeschränkt möglich. Die "empfohlene" Konfiguration von 1400 MHz (Mac: 1,25 GHz) und 512 MB RAM ist da schon weitaus realistischer. Unsere Empfehlung: Mindestens 1800 MHz und 1 GB RAM, dann macht auch das Arbeiten mit größeren Sample-Libraries mehr Spaß.[werbung]
Die Installation läuft vollkommen reibungslos ab. Cubase SX 3 installiert sich automatisch in einem neuen Ordner und lässt eine eventuell vorhandene frühere Cubase-Version unberührt. So lässt sich die Installation auch im geschäftigen Studio-Alltag durchführen. Man braucht sich keine Gedanken um eventuelle Bugs und neue Funktionen zu machen sondern kann noch stressfrei seine alten Projekte in der vorhanden Version von Cubase zu Ende bringen, bevor man sich an SX 3 "ranmacht".
Wie bei mittlerweile fast allen Steinberg-Produkten erfolgt vor dem ersten Benutzen die obligatorische Registrierung des USB-Dongles mit der Software der Firma Syncrosoft. Hier empfehlen wir dringend (!!)sich unter
http://syncrosoft.com/downloads/ die jeweils aktuelle Version von
Licence Control herunter zu laden.
Cubase SX 3 mit Warp-Antrieb
Das wohl mächtigste neue Feature in SX 3 ist die sogenannte Warp-Funktion. Mit dieser lässt sich nämlich Audiomaterial nun auch dynamisch anpassen. Im Gegensatz zu dem Timestretch-Werkzeug, das schon in früheren Cubase-Versionen vorhanden war, passen sich die Wave-Dateien in SX 3 auf Wunsch automatisch dem aktuellen Songtempo an: Es genügt, im Audiopool bei der gewünschten Datei ein Kreuz hinter der neuen Option "Musikalisches Tempo" zu machen. Man gibt das Grundtempo der Datei an und schon ist die Datei elastisch und man braucht sich nicht weiter um das Tempo zu kümmern.
Die Qualität der Warp-Funktion hat uns absolut beeindruckt. Bei Gesang sind erst bei extremeren Tempoveränderungen Artefakte zu hören. Wir haben zum Testen mal einer Rockballade im Tempo 65 bpm etwas Beine gemacht. Selbst der Gesang war bis 85 bpm noch nahezu einwandfrei zu vernehmen. Bei Loops und perkussiven Elementen gab es wie zu erwarten auch keine Probleme, einzig beim Bass hat man bereits bei sehr geringen Tempo-Abweichungen starke Artefakte gehört. Es scheint sich hierbei um ein grundsätzliches Problem mit tiefen Frequenzen zu handeln, da sich das Phänomen sowohl bei Synthbässen als auch bei Bass-Spuren "Marke Fender" zeigte.
Auch im Sample-Editor hat der "Warp-Antrieb" Einzug gehalten. Audiodateien lassen sich jetzt mit Warp-Markern versehen, über die man die Wellenform elastisch bearbeiten kann. Endlose Cut-Copy-Paste-Orgien weil der Sänger etwas zu spät eingesetzt hat gehören jetzt der Vergangenheit an. Hinzugekommen ist in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit, die beliebten, mit Tempo-Informationen versehenen Acid-Loops zu importieren. Außerdem wurde die Erkennung der Hitpoints im Sample-Editor weiter verbessert.
Bitte Transponieren...
Nicht nur mit Zeit und Tempo lässt sich flexibel arbeiten, auch die Tonhöhe von Audio-Material ist nun veränderbar. Dazu gibt es jetzt in der Info-Zeile im Arrangement-Fenster zwei weitere Optionen "Transponieren" und "Feinstimmung", womit sich nun auch Audio-Spuren beliebig transponieren lassen. Auch hier gab es - wie bei der Warp-Funktion - im Test nur Probleme mit Bass-Spuren. Die meisten Instrumente ließen sich hingegen in erstaunlicher Qualität umstimmen.
Arrangement
Neu hinzugekommen sind sogenannte Projekt-Struktur-Spuren (Achtung Zungenbrecher). Das hört sich komplizierter an als es ist. Steinberg gibt nämlich damit den Usern ein sehr mächtiges Werkzeug zum Arrangement in die Hand. Wer kennt das nicht? Der Song ist fertig aufgenommen und das Arrangement steht... doch eigentlich soll der letzte Refrain doch nur zwei Mal wiederholt werden und außerdem ist das Intro viel zu lang. Grundsätzlich mit Computer kein soooo komplizierte Sache, aber trotzdem mit vielen Schiebereien der einzelnen Parts sowie viel Copy/Paste-Arbeit verbunden. Hier kommen allerdings die Projektstruktur-Spuren von Cubase SX 3 ins Spiel. Es lassen sich nämlich bestimmten Song-Abschnitten jeweils einzelne Parts der Projektstruktur zuordnen. Dazu zieht man einfach mit dem Stiftwerkzeug in der Projektrstruktur-Spur (ich liebe diesen Zungenbrecher) einen neuen Part von der gewünschten Länge. Dieser erscheint dann im neuen Projekt-Struktur-Editor.
Hier kann man sich nun aus den verschiedenen Projektparts den Ablauf des Songs zusammenbasteln. So kann man sich einfach jeweils eigene Projektparts für Strophe, Refrain, A-Teil, B-Teil etc. erstellen und dann den Ablauf im Editor beliebig ändern. Zu dieser Idee kann man Steinberg nur gratulieren, da sie die Arbeit am Arrangement erheblich erleichtert. Man kann sich so völlig aufs Aufnehmen der einzelnen Songelemente konzentrieren, ohne schon Vorüberlegungen für den späteren Ablauf anstellen zu müssen. Gerade Produzenten aus dem Dance- und Elektrobereich werden von dieser Funktion profitieren, da hier meist sehr viel musikalische Spannung durch das Wechselspiel einzelner Parts aufgebaut wird.
Über einen entsprechenden Button lässt sich die Projektrstruktur dann auch ins "normale" Arrangement umrechnen, was auf unserem Test-System allerdings verhältnismäßig lange gedauert hat.
Freeze-Funktion: Dritter Versuch
Wie sagt man doch so schön: Was lange währt wird gut. Nach den eher mißglückten Versuchen von Steinberg in Cubase SX 2 und SX 2.2 eine Freeze-Funktion zu integrieren bzw. zu verbessern, ist es nun in SX 3 endlich gelungen - und es funktioniert hervorragend! Problem bei SX2 war, dass das "Freezen" einer VSTi-Spur viel zu lange gedauert hat, so dass es in der Regel schneller ging, eine Audiospur über einen Mixdown zu bouncen und wieder ins Arrangement einzufügen. Reine Audiospuren mit Effekten ließen sich gar nicht einfrieren. Hier hat Steinberg viel getan: Die Freeze-Funktion ist jetzt nicht nur bedeutend (!) schneller geworden, es lassen sich nun auch normale Audiospuren mit Effekten damit bearbeiten, so dass man auch hier die Möglichkeit hat, bei großen Projekten deutlich an Performance zu gewinnen. Sehr schön ist auch, dass beim Betätigen des Freezebuttons abgefragt wird, ob die eingefrorenen Instrumente aus dem Speicher entfernt werden sollen; so lässt sich nicht nur Rechenpower, sondern auch teurer Arbeitsspeicher einsparen. Somit kann der 2 Gigabyte-Sampling-Flügel jetzt auch schon in der Projektphase mitspielen und muss nicht durch ein weniger Speicher-hungriges Plugin ersetzt werden.
Oberfläche
Viel hat sich auf den ersten Blick nicht getan: Cubase SX3 kommt in der gleichen, gut strukturierten Bedienungsoberfläche wie schon die vorhergehenden Versionen. Die Änderungen liegen vielmehr im Detail. So wurde z.B. die Farbverwaltung verbessert. Ganzen Tracks kann man jetzt einzelne Farben zuordnen. Erfreulicherweise sieht man diese dann auch in der Mixeransicht, was diese wiederum um einiges übersichtlicher macht. Ein erfreulicher Ansatz ist auch die Option "im Kontext bearbeiten" (die Funktion versteckt sich übrigens im MIDI-Menü). Hiermit lassen sich MIDI-Spuren auch im Projektfenster bearbeiten. Beim Anwählen öffnet sich beim ausgewählten Part quasi eine Mini-Keyeditor-Ansicht.
Schön ist auch, dass man sich im sogenannten Inspektor (Info-Bereich an der Linken Bildschirmseite, siehe Bild) jetzt zu einelnen VST-Instrumenten auch die entsprechenden Mixerkanäle anzeigen lassen kann. So spart man umständliches Scrolling im Projektfenster, wenn man bei Instrument-Spuren die Lautstärke ändern will. Die unserer Meinung nach bessere Alternative wäre, wenn man wie es z.B. in Logic der Fall ist für virtuelle Instrumente eine spezielle VSTi-Spur einführen würde, so dass man nicht mehr zwischen Audio- und MIDI-Tracks unterscheiden müsste... aber vielleicht kommt das ja noch.
Hüllkurven
Ein weiterer Schritt nach vorne ist, dass man jetzt in Audiospuren mit dem Stiftwerkzeug in einzelne Parts Lautstärkeverläufe einzeichnen kann, ohne den etwas umständlicheren Weg über die Automation gehen zu müssen. Schön ist auch, dass sich die Anzeige der Wellenform der Hüllkurve anpasst. Langjährige Cubase-User werden dieses Feature noch aus der alten Cubase-VST-Version kennen, wo dies bereits möglich war. Seit Cubase SX (1), das von grundauf neu programmiert wurde, fehlt die Funktion - zum Leidwesen vieler Cubase-Fans, zumal sich die normale Automation anfangs nicht an einzelne Parts koppeln ließ und beim Verschieben extra mit verschoben werden musste.
Audio Pre-Recording
Eine Funktion, die eingefleischte Cubase-User schon aus dem MIDI-Bereich kennen, gibt es jetzt auch für Audio: Pre-Record! Man stelle sich folgendes Szenario vor: Man sitzt stundenlang dran, ein Gitarren-Solo für den neuesten Chart-Hit aufzunehmen. Was man auch versucht, es fehlt immer das gewisse "Etwas"... dann macht man fünf Minuten Kaffee-Pause und der Gitarrero klimpert gedankenverloren munter vor sich hin, gelangweilt klickt man auf "Mithören" und da spielt der Kerl DAS Gitarren-Solo schlechthin. Panisch, den Kaffee verschüttend, sucht man den Talkback-Knopf am Pult und schreit man ins Mikro: "Ey DAS ist es, spiel das nochmal!!" und bekommt nur die dumme Antwort: "Ähhh was soll ich? Ähhh, woher soll ich denn wissen, was ich gerade gespielt hab!" ... So sind schon so manche, hitverdächtige Ideen verloren gegangen. Damit ist jetzt dank Pre-Record Schluss! Hiermit lässt sich nämlich einstellen, dass quasi alles, was über den Äther kommt, aufgenommen und gespeichert wird. Hat man nun eine Phrase oder ein Lick eingespielt, das man nachträglich nicht mehr hinbekommt, oder wärend des Abspielens einfach etwas dazu geklimpert, sind diese Aufnahmen nun nicht mehr verloren. Das ging bisher nur für MIDI-, jetzt aber auch für Audio-Aufnahmen.
Relaunch
Viele Funktionen, die in Cubase VST schon etabliert waren, hat man in den ersten Cubase SX Versionen vermisst, was viele langjährige Cubase-Fans sehr bedauerten. Neben den bereits erwähnten Lautstärke-Hüllkurven sind nun aber auch die MIDI-Device-Panels wieder aufgetaucht, womit sich externe MIDI-Geräte einfach über editierbare Oberflächen in Cubase integrieren lassen. Sehr erfreulich ist auch, dass man die alten Mixermaps aus VST-Zeiten importieren kann, wodurch sich eine Menge Arbeit sparen lässt, da zumindestens für einen Großteil der etablierten Geräte auf dem Markt schon Mixermaps existieren.
PlugIns
Auch die Palette der in Cubase mit gelieferten PlugIns wird immer größer. Neben den bisherigen PlugIns und Effekten sind seit der letzten Version (SX 2.2) einige sehr gute PlugIns dazugekommen.
Embracer ist ein sehr gutes PlugIn für schöne breite Flächen- und Padsounds. Monoloque ist - wer hätte das gedacht - ein monologer Lead-Synthesizer. Die weiteren virtuellen Instrumente sind leider etwas älterer Bauart - nichtsdestotrotz aber immer für einen guten Sound zu haben. Ein weiterer Gast aus Cubase VST Zeiten ist das beliebte General-MIDI-PlugIn
Universal Sound Modul, das unversehens auf der hiesigen Cubase-DVD wieder aufgetaucht ist.
Neu in SX 3 sind zwei MIDI-Module: Context Gate, über das diverse Gate-, Mono- und Poly-Modi möglich sind, Arpache SX, sowie ein neues Dummy-PlugIn. Letzteres entpuppt sich als mächtiges Werkzeug, wenn es darum geht, Projekte zu exportieren oder mit mehreren Parteien zu bearbeiten, die nicht alle die gleiche VSTi-Konfiguration haben.
Sonstige Verbesserungen...
...gibt es viele! Gerade im "Kleinen" hat sich einiges getan, was man auf den ersten Blick nicht bemerkt. Es ist jetzt möglich, Standard MIDI-Files direkt per Drag&Drop ins Projektfenster zu ziehen, für externe Effekte lassen sich jetzt Hardware-Inserts einbinden, der Metronom ist wesentlich individueller anpassbar, im Score-Editor kann man jetzt eigene Symbole einbinden, die Engine wurde für verschiedene CPUs weiter optimiert (G5, P4) und außerdem unterstützt Cubase schon jetzt die 64bit Prozessor-Generation, ...
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Fazit
Alles in allem ist Cubase gerade für den Windows-Sektor die erste Wahl für Recording und Musik-Produktion und muss sich auch nicht mehr vor Programmen wie Protools verstecken. Durch das verbesserte Freezing konnte Steinberg auch die Nasenlänge, die Kontrahent Logic von Apple voraus war, wieder wettmachen und vor allem die neuen Warpfunktionen zur dynamischen Bearbeitung von Audiomaterial werden viele Musiker sehr zu schätzen wissen.
Erfreulich ist auch, dass Steinberg nicht nur um große neue Features bemüht ist, sondern sich auch um die kleinen Dinge kümmert, die einem das Leben im Produktionsalltag leichter machen. Cubase SX 3 zeigt, wieviel Potential in diesen kleinen Features steckt. Man darf gespannt sein, was die Zukunft weiterhin bringt...