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Test: Steinberg Virtual Guitarist

Autor: Daniel Remmel

Wer hat noch nicht davon geträumt: Ein Studio, in dem außer einem Mikro keine Analogtechnik nötig ist. Leider ist das bisher immer an den lästigen Gitarren gescheitert, doch Steinberg schafft Abhilfe mit Virtual Guitarist...



Schon wieder ein Sampler?


Nein, nicht ganz. Der Virtual Guitarist basiert zwar auf real eingespielten Gitarren, ist aber mehr als ein Sampler. Er kommt einer Begleitautomatik weitaus näher als einem Sampleplayer.
Digitalisierte Gitarren via EDV oder Synthie-Workstation waren immer schon ein heißes Eisen. Auch reine Sample-Libraries bieten nur selten eine zufriedenstellende Lösung. Entweder samplet man einzelne Töne und ist an Singlenotes und gebrochene Akkorde gebunden bzw. muss gewisse Qualitätseinbußen in Kauf nehmen, oder man digitalisiert ganze Phrasen, was zwangsweise eine gewisse Unflexibilität nach sich zieht. Steinberg geht einen Mittelweg:
Mit viel Liebe für's Detail wurden von Steinberg / Wizoo mit einem echten Gitarristen mit echten Gitarren (für Clubmusiker: das sind diese mit Drähten bespannten Holzbretter) über echte Amps insgesamt 25 verschiedene stilistische Richtungen (sogenannte Player) mit nochmal jeweils acht unterschiedlichen Variationen aufgenommen.
Es handelt sich dabei um meist eintaktige Patterns, die in verschiedenen Geschwindigkeiten und Tonarten aufgenommen sind. So hat man die Qualität von Samples verbunden mit der Flexibilität von MIDI. Zur Zeit gibt es keine vergleichbare Software auf dem Markt, die derart gute und vor allem realistische Ergebnisse liefert.

Installation


Die Installation läuft problemlos: Von 3 CDs werden insgesamt knapp 1,6 GB an Daten auf die Platte geschaufelt. Schwierigkeiten gab es anfangs lediglich beim Auffinden der Samples, da diese nicht in dem von Steinberg vorgegebenen Ordner installiert (besonders unter Logic) wurden.[werbung]Der Virtual Guitarist installiert zwei unterschiedliche PlugIns: einmal für akkustische und einmal für elektrische Gitarren, die sich in einigen Parametern unterscheiden.

Bedienung


Die Obefläche erinnert stark an die gängige Gitarren-Preamps. Über das Datei-Menü kann man jeweils einen Player auswählen, der dann mit den acht Untervarianten in den Speicher geladen wird, was je nach Rechner schon einige Zeit dauern kann.
Gespielt wird der VG über MIDI. Die gegriffenen Akkorde werden automatisch erkannt und entsprechende Gitarrenrythmen werden gespielt. Über Velocity, Modulation und Sustain-Controller lassen sich verschiedene Artikulationen steuern.

Setup


Über einen Setup-Bildschirm können verschiedene Einstellungen vorgenommen werden, die sich im PlugIn global speichern lassen. Man kann, anstatt über die Automation zu gehen, verschiedene Parameter auch während des Spielns per MIDI-Noten steuern (z.B. den Wechsel verschiedener Varianten eines Players). Im Setup lässt sich die Oktave auswählen, die für die Parameter-Umschaltung reserviert ist. Auch kann man hier z.B die Quantisierung, die Velocity-Switch Werte, sowie das Tuning verändern.
Auch gibt es eine Auswahl zwischen verschiedenen Komplexitäts-Stufen. Während Eco nur die Grundakkorde in Dur und Moll enthält und entsprechend auch recht schnell in den Speicher geladen ist, findet man in MID sus und maj Akkorde vor und in XXL sind auch schon ausgefallenere jazzigere Akkorde vorhanden. Bei letzteren kann es - je nach Rechner - allerdings eine Weile dauern, bis die Sounds geladen sind. Auch dieser Parameter ist im Setup speicherbar.

Oberfläche


Die Oberfläche ist zweigeteilt: Sie besteht aus einem Setup-Bereich und einem Play-Bereich.
Im Play-Bereich lassen sich diverse Parameter für Sound und Spielweise einstellen:
Das Spieltempo holt sich der Virtual Guitarist normalerweise automatisch vom Sequenzer, bzw. der entsprechenden VST-Host-Applikation. Über drei Knöpfe kann man jedoch normal-, half- und doubletime auswählen, was bei bestimmten Songtempos enorm praktisch sein kann.
Den Shufflegrad kann man über den entsprechenden Regler stufenlos einstellen. Das Ganze klingt manchmal etwas seltsam und man merkt, dass die Einstellung durch Verschieben der Samples realisiert wurde.
Wer etwas mehr Realismus in die Gitarrenparts bringen will, kann über den Timing-Regler festlegen, wie tight der virtuelle Gitarrero sein Instrument beherrscht. Die höchste Einstellung (loose) ist allerdings nahezu unbrauchbar, da sie total (!) daneben liegt (sie ist höchstens dann einsetzbar, wenn man mal einen Gitarristen im Vollrausch virtuell emulieren wollen sollte).
Sehr hilfreich sind die Klangparameter. Hier lassen sich die Stereobreite (von Mono bis extrem weitem Stereo) einstellen. Über einen Enhancer kann man dem Klang noch etwas mehr Durchsetzungskraft verpassen, ohne ihn am Mixer lauter zu drehen. Über einen Line-Cut lassen sich die Frequenzen unter einer bestimmten Frequenz (0 bis 400 Hz) abschneiden. Sehr schön ist auch, dass man die meisten Player Gitarren über einen entsprechenden Button doppeln kann, was dem Klang mehr Breite und höhere Präsenz verleiht.
Statt dem Lowcut hat man bei dem "elektrischen" Plugin die Wahl zwischen zwei Tonabnehmern und statt dem Enhancer gibt es hier einen Presence-Regler (der aber letztlich das gleiche bewirkt).



Sounds


Die Sounds des VG klingen - zumindest soweit dies die akkustische Sektion angeht - absolut exzellent. Trotz der (relativ) geringen Auflösung von 44 KHz / 16 Bit kann man so gut wie alle Player des Virtual Guitarist (Acoustic) uneingeschränkt empfehlen.
Der einzige Player, der meiner Meinung nach ehr schlecht klingt, ist der Apreggio-Player. Hier merkt man ganz klar, dass die Seiten einzeln gesamplet und dann per MIDI zusammengesetzt wurden (klingt auf jeden Fall ziemlich nach Syntie-Workstation).
Der Mean Reso-Player sowie der Sweet Chords-Player klingen zwar gut, ob man mit den einzelnen Phrasen allerdings etwas anzufangen vermag, ist fraglich, da diese relativ "riffig" klingen. Für eine komplette Liedbegleitung reicht's wahrscheinlich nicht.

Ein typisches Sample-Problem konnte Steinberg nicht richtig in den Griff bekommen: Die Pattern klingen durch die Wiederholung oft mechanisch (sogenannter Maschinengewehr-Effekt), was bei Pattern-basierten Samples nicht zu vermeiden ist. Jeden Player noch in verschiedenen Variationen aufzunehmen, hätte die Sample-Library um ein vielfaches vergrößert. Man kann diesem Effekt aber durch die gezielte Umschaltung verschiedener Phrasen eines Players entgehen.

Sehr gelungen fand ich auf jeden Fall die Bezeichnung der einzelnen Player und Pattern :-). Namen wie Ringaracka oder M-Pa-Di-Da klingen zwar nicht unbedingt medienwirksam, man kann sich aber wesentlich mehr darunter vorstellen, als unter irgendwelchen stylisch klingenden Begriffen. Außerdem prägt sich so etwas wegen der "Andersartigkeit" erheblich besser ein.

Die "elektronischen" Player für E-Gitarre machen den Eindruck, als hätte man diese unter dem Motto: "Wir brauchen noch ein paar E-Gitarren, haben aber eigentlich keine Zeit mehr" eingespielt. Hier wurde bei der Wahl der Sounds und Gitarren weitaus weniger variiert als bei den A-Gitarren. Die Stärke liegt im Gegensatz zur Electric Edition (wo die Pattern auch sehr riffig sind) darin, dass die Player wesentlich einfacher und allgemeiner gehalten sind; sie lassen sich damit flexibler einsetzen. Allerdings fehlt hier leider etwas der Druck und die Durchsetzungskraft. Auf Akkorde, die über Moll und Dur hinausgehen (maj etc), wurde bei den elektrischen Gitarren komplett verzichtet.

Soundbeispiele


Folgend haben wir von jedem Player ein kurzes Beispiel als MP3 hochgeladen.

Akkustische Gitarren:
Arpeggio
Boogie
Country
Fingerpicking
Mean Reso
Melacholy
Mellow
Ringaracka
Sweet Chords
Traditional

E-Gitarren:
Backbeat
Energy
Heavy 1-5-8
Heavy Chords
Lowrider
Muted Fifths
Rock and Roll
Smooth
Triplets
Ultra 1
Ultra 2
Wahwah
Whackado

Fazit


Einen "echten" Rock-Gitarristen kann der Virtual Guitarist zwar nicht ersetzen, da er in einigen Dingen doch recht "starr" ist, aber für Hintergrund-Sounds und einzelne Licks reicht er allemal aus. Es hängt natürlich stark davon ab, in welchem Musikstil man den VG einsetzt bzw. inwieweit die Gitarre im Vordergrund stehen soll. Man sollte eher vorsichtig damit sein, das PlugIn für reine Gitarrenstücke einzusetzen.[werbung]
Seine großen Stärken spielt der Virtual Guitarist im Arrangement aus. Hier ist er ein nahezu geniales Werkzeug, gerade für Arranger, die des Gitarrespielens selbst nicht mächtig sind. Man kann hier innerhalb von Minuten eine professionelle exzellent klingende Gitarrenspur erstellen, die sich hervorragend ins Songgefüge einfügen lässt.
Warum man die E-und A-Gitarren in zwei verschiedene PlugIns gebannt hat, ist mir unverständlich. Die zwei Parameter, in denen sich die beiden VSTis unterscheiden, hätte man auch auf einer Oberfläche unterbringen können. Das Manko der E-Gitarren-Sounds hat Steinberg durch den Nachfolger, die Electric Edition, behoben und alles in allem ist der Virtual Guitarist auf jeden Fall sein Geld wert.




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