http://www.konzertring-coesfeld.de/presse/Bundesjugendorchester.htmlSpitzennachwuchs lässt Spitzenleistung hören
Bundesjugendorchester führt grandioses Konzert auf
Coesfeld. Stehende Ovationen: Die mehr als 100 Instrumentalisten rissen das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Das war von vornherein nicht zu erwarten in diesem Sonderkonzert, denn es wurde relativ anstrengende Kost serviert, kein Mozart, Beethoven oder Brahms, vielmehr russische Werke des 19. und 20. Jahrhunderts. Doch entscheidend ist, was daraus gemacht wird, und diese Eerfahrung galt auch in der Stadthalle: Das Bundesjugendorchester, bestehend aus Deutschlands Spitzennachwuchs, präsentierte unter der Leitung von Howard Griffiths Spitzenleistungen. Nach einer nur 10-tägigen Probenphase ein solch anspruchsvolles Programm vorzuführen, das will schon etwas heißen. Motivation und Interesse unterstützen die vorhandene solide Instrumentalausbildung.
Ein einsames Horn begann den Vortrag: Tschaikowskys Ouvertüre zu seiner Oper "Wojewoda", selten oder nie gehört, fängt brav, steigert sich dann aber zu lärmendem Pathos. Immerhin offerierte das Stück eine gewisse Farbigkeit im Orchester, die im Folgenden noch gesteigert wurde: "Petruschka" von Strawinsky, die Schilderung eines Liebesdramas im Getümmel eines Jahrmarktes. Das wurde trefflich ausgemalt, eine riesige Besetzung an Holz- und Blechbläsern, Streichern, Schlagzeugern, zwei Harfen und Klavier zeigte den erfahrenen Orchesterpraktiker, dem eine ausdrucksvolle Soloflöte genauso viel bedeutet wie eine Batterie starker Instrumente. So kam eine zarte, impulsive und auch kraftstrotzende, fröhliche Musik zustande, deren Würze in der rhythmischen Raffinesse lag, alles gesteuert durch die sichere Hand des Dirigenten. Danach Sinfonie Nr. 6 h.Moll von Schostakowitsch. Der erste Teil mit seinen langen Dialogen verschiedener Instrumente wird abgelöst durch zwei weitere, höchst lebendige Sätze. Ob dem Ganzen ein Programm unterlegt ist, oder alles nur ironisch gemeint ist, sei dahin gestellt. Es ist ein mitreißendes Werk, das den jugendlichen Musikern hörbar Freude machte. Auch hier wieder die farbige Instrumentation, die rhythmische Akkuratesse, die Disziplin, alles das gestattet es, den Bär bis zum überschwänglichen Kulminationspunkt loszulassen und noch mal als Zugabe. "Grandios" meinte das Publikum, entsprechend war der Applaus.
Ulrich Wesseler
Münsterische Zeitung, 13. 1. 2004:
Mit russischer Rasanz ins neue Jahr
Konzert: Das Bundesjugendorchester gastierte in Coesfeld
Coesfeld: "Deutschlands jüngstes Spitzenorchester" nennt sich das vom Deutschen Musikrat gegründete Orchester. Dass das keine vollmundige Selbstüberschätzung, sondern schlicht und einfach eine Tatsache ist, stellten die 80 jungen Musikerinnen und Musiker unter Beweis.Der Konzertring Coesfeld hatte das Orchester zu seiner 269. Veranstaltung eingeladen und für fast ausverkaufte Reihen gesorgt. Und die Coesfelder empfingen den Musikernachwuchs mit offenen Armen und noch mehr Applaus. Der rennomierte Dirigent Howard Griffiths, eigentlich Chef des Zürcher Kammerorchesters, übernahm die Leitung des Neujahrsprojektes. Nur knappe zehn Tage blieben für die Erarbeitung eines anspruchsvollen, rein russischen Programms. Und das Ergebnis rechtfertigte den Anspruch, ein Spitzenorchester zu sein.Peter Tschaikowskys Ouvertüre op. 3 war das Wohlfühlstück für Publikum und Orchester. Satte, weiche Streicher, schöne Holz- und phänomenale Blechbläser sorgten für einen ersten Ohrenschmaus. Eckiger, aber nicht weniger präzise ging es bei Igor Strawinskys "Petruschka" - Suite zu. Spezielles Lob gebührte den Hornisten und dem Solotrompeter. Ohne nennenswerten Zeichen von Anstrengung meisterten sie ihre anspruchsvollen Partien. Griffiths schien nur die Richtung vorgeben zu müssen, schon lief das Orchester wie am Schnürchen und war streckenweise rhythmisch noch agiler als sein Dirigent.Ein Wechselbad der Gefühle für Publikum und Musiker war Dimitri Schostakowitschs sechste Sinfonie. Tragisch beinahe der erste Satz, der mit viel Ausdruck und Innigkeit von der Bühne kam. Für den zweiten und besonders den dritten Satz machte Griffiths ein Fass auf. Trotz aller Rasanz und überbordender Dynamik blieb das Orchester präzise, durchhörbar in allen Stimmen und spielfreudig bis zum letzten Ton.Wer den Spaß beobachtet hat, den die Musiker trotz aller körperlicher Anstrengung bei ihrem Tun hatten, braucht um die zukünftige Qualität der Orchester keine Angst zu haben.
Dirk Jaehner