Hat die Oper noch Zukunft...
Eine gute Frage, weil diese Frage auch meine Zukunft bedeutet.
Ich bin Gesangsstudent aus Leipzig und in 1 1/2 Jahren werde ich nach meinem Examen in die freie Wildbahn entlassen, und schaue einer mehr als ungewissen Zukunft ins Auge.
Ich könnte die Schotten dicht machen und sagen: Ja - es gibt genug Leute die nicht genug bekommen können von Zar und Zimmermann, Zauberflöte und Hänsel und Gretel.
Allerdings wenn ich die Schotten aufmache, und sehe, wie die Menschen vor allem in diese Opern rammeln, die irgendwann auch der Abonent nicht mehr sehen kann, frage ich mich doch, ob die Musikgeschichte nicht wesentlich mehr auf die Beine gestellt hat, als ständig diese "Repertoire-Opern" (Die drei sind nur mal stellvertretend für einige andere Kassenschlager genannt.)
Wenn nun mal ein Regisseur daherkommt und die 495043. Auflage der Zauberflöte inszeniert - was bleibt ihm dann?
Originalgetreue Kostümschlacht oder Neuinterpretation. Eine Geschichte, wie sie in der Zauberflöte zB erzählt wird, ist, auf's Grobe reduziert, ja relativ zeitlos, was steht dem also im Wege Papageno auch mal als 50er Jahre Dressman auftreten zu lassen. Oder die Königin der Nacht als Angela Merkel (bloß rumgesponnen...

)
Ich langweile mich zumindest bärisch, wenn alte Geschichten im alten Kostüm daherkommen und alles einfach antiquiert und verstaubt wirkt. Sicher kann man es auch zu weit treiben mit dem Modernisierungswahn aber sind wir doch mal ehrlich.
Zu Händels Zeiten standen die Sänger auf der Bühne, sangen und gingen ab - gottseidank kam irgendwer mal auf die Idee, die Leute auf der Bühne agieren zu lassen.
Was wenn sich alle Welt dagegen aufgelehnt hätte?
Dann hätten wir heute immer noch konzertante Aufführungen mit Bühnenbild - warum nicht also auch mal einen kleinen Schritt nach vorn und weg von diesem Heile-Welt-Kostümschlachttralala.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wie? Denn die Geschichten, die vielen Opern zu Grunde liegen, sind doch heute relativ belanglos, veraltet. Die Musik (de facto) auch - man muss schließlich und letztendlich, versuchen, Handlungen ins Heute zu verlegen, den wen interessiert das Alte Ägypten mit seinen Göttern oder Intrigen am Hofe von irgendwelchen Grafen. Ständegesellschaft von vor 200 Jahren ringt uns doch ein Gähnen ab, aber ein Konflikt zB zwischen Arbeitslosen und Großindustriellen nciht.
Sicher wird man immer gezwungen sein, in dem FAll ein Patchwork zwischen alter Geschichte und neuer Interpretation zu wirken, aber, und das macht Oper meines Erachtens in den meisten Fällen nicht, Theater ist doch auch zum Provozieren da.
Nicht nur zum Provozieren von Emotionen sondern auch zum Darüber Nachdenken provozieren. Und dieses Provozieren zu verdammen heißt für mich auch: Stagnation zu fordern.
Und wenn ich mir so die ganze zeitgenössische Oper anschaue, wird's doch schonmal interessanter - allein deshalb, weil halbwegs aktuelle Themen verwendet oder zumindest alte Themen auch aktuell verwurstet werden. Doch wer will diese Musik schon hören? Sie strengt selbst eingefleischte Opernliebhaber an, und zieht erst recht kein Publikum.
Das aber ist nicht den Komponisten vorzuwerfen, den jede Zeit in der Geschichte hatte ihre Sprache, sondern unserer Zeit.
Durch massenmediale Verbreitung 100er von Sprachen (Musikstilen) und die Möglichkeit immer und ständig Musik dudeln zu lassen, wird unser Ohr doch entwöhnt, verflacht. Das Musical zum Beispiel ist in meinen Augen nur ein anbiedern an den Breitengeschmack entwöhnter Musikleichen.
Grade da will ich mir, der ich mich bald entscheiden muss, welchen Weg ich gehe, zum ZIel machen, in die zeitgenössische Oper zu gelangen. Man hat mich einmal gefragt, was denn so meine Traumrolle wäre. Nach langen Nachdenken hab ich gesagt:
Wenn ich mal eine Oper uraufführen kann, die auch noch in 100 Jahren gespielt werden wird, dann habe ich meine Traumrolle gespielt.
Aber zum Thema: Ich denke die Oper wird nur dann sterben, wenn man noch jahrelang antik und unzeitgemäß schreibt, inszeniert und sein Publikum langweilt.
Andernfalls bin ich ncoh hoffnungsvoll...