Interpretation - Literatur - Thema anzeigen

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 Betreff des Beitrags: Interpretation - Literatur
BeitragVerfasst: 06.01.2006 12:09 
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Anfänger

Registriert: 12.12.2005 19:07
Beiträge: 37
Hallo,

mir ergeht es beim Einstudieren eines Stückes oft so, daß ich mich frage, wie nah meine Interpretation an der Idee des Komponisten ist. Ich wünschte mir für das betreffende Werk Literatur, in der sowohl eine Analyse nach neuestem musikwissenschaftlichen Standpunkt enthalten ist wie auch die speziellen Lebensumstände des Komponisten während der Entstehung des Werkes verbunden mit allen möglichen Kommentaren zu diesem vom Komponisten selbst (z.B. Briefe) und von Zeitgenossen. Es wäre unglaublich inspirierend, wenn man auf diese Art in die damalige Zeit eintauchen könnte und ein lebendiges Bild hätte. Gibt es solcher Art Literatur? Es wäre zu umständlich, für jedes neu begonnene Stück eine Biographie lesen zu müssen.

Liebe Grüße


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 06.01.2006 15:11 
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Anfänger

Registriert: 04.01.2006 03:01
Beiträge: 49
Hallo Dolcissima,

was Du Dir da wünschst, ist ein Handbuch, eine Gebrauchsanweisung, so wie das Handbuch zum neuen Drucker oder zum neuen DVD-Player. Aber so funktioniert Musik nicht.
Was nützt es Dir zu wissen, daß Chopin, während er seine g-Moll-Ballade schrieb, ununterbrochen von quälenden Hustenanfällen gepeinigt worden ist? Willst Du die Hustenanfälle in die Musik übertragen? Was nützt es Dir zu wissen, daß Mussorgsky seine "Bilder einer Ausstellung" mehr im Dilirium als nüchtern geschrieben hat, weil er Zeit seines Lebens darunter litt, nie "richtig" komponieren gelernt zu haben. Würdest Du die "Baba-Jaga" dann mehr alkoholisiert spielen, "Das alte Schloß" baufälliger? Lebensumstände eines Menschen müssen sich doch nicht zwangsläufig in seinen Werken wiederspiegeln. Max Reger war ein todunglücklicher Mensch - willst Du seine Humoresken deshalb wie einen Trauermarsch spielen? Was ist mit Mozart? Nicht um alles in der Welt, nicht einmal, wenn der Teufel mir Mozarts Genie verspräche, wollte ich dieses Leben haben. Gibt es aber optimistischere, wohltuendere Musik als die von Mozart? Möchtest Du wirklich Schuberts Wandererfantasie nach seinen gottserbernlichen Lebensumständen interpretieren? Das wäre ja furchtbar.
Der Mensch und sein beschissenes Dasein ist eine Sache, aber ich bestreite, daß er diese in seinen Werken zum Ausdruck bringt. Also sollte man sich tunlichst hüten, da etwas hineinzuinterpretieren. Nimm Kompositionen als das, was sie sein wollen, Vorlagen. Die Gebrauchsanweisung steht im Notentext selber, da muß man nichts hinzufügen. Sich an diese Vorgaben zu halten ist schon Arbeit genug.
Da steht ein Crescendo und anschließend ein Sforzato auf einer Achtelnote mit Staccato. Brendel wird diese Sache völlig anders spielen als Horrowitz und Lang Lang anders als Kissin. Das ist vollkommen in Ordnung - und das ist gut so. Stell Dir vor, die Pianisten würden sich darum kümmern, ob Schubert über Blähungen litt, als er seine d-Moll-Sonate schrieb, oder stell Dir vor, alle würden die Wandererfantasie so spielen wie Schubert: ein grausiger Gedanke, denn Schubert war ein ziemlich lausiger Pianist.
Keiner war dabei, als all die großen und wunderbaren Werke entstanden sind, auch nicht die Musikwissenschaftler. Was nützt es Dir also für Deine Interpretation, zu wissen, warum Beethoven nach drei Takten cis-Moll plötzlich und unerwartet über einen verminderten Septakkord nach D-Dur geht? Glaubst Du im Ernst, daß habe er alles im Vorhinein geplant, so nach dem Motto: "Sodele, jetzt bin ich in cis-Moll, heute höre ich aber auch wieder mal verdammt schlecht, aber ich muß nach D-Dur, und ich muß über einen verminderten Septakkord gehen, Herrgott noch mal, können die da draußen mit ihren Fuhrwerken nicht langsamer übers Pflaster rattern..."
Ich glaube nicht, daß Musik so entsteht, nicht mal annähernd. Was Dir nützlich ist zu wissen, d a ß von cis-Moll über v7 nach D-Dur gegangen wird. Insofern ist es am Interpreten, das Stück zu analysieren, weil es hilft, den Inhalt zu begreifen und das Einstudieren zu erleichtern, aber den Inhalt des Stückes, nicht den des Komponistenlebens. Und dafür braucht man nicht die neueste Musikwissenschaft.
Alles andere wäre eine falsche Inspiration, weil Du damit den Sinn des Werkes in eine Richtung verlagerst, wo er nichts zu suchen hat.

Mit besten Grüßen,

Victor


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BeitragVerfasst: 06.01.2006 15:48 
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Trusted Junior

Registriert: 03.06.2001 22:58
Beiträge: 224
Wohnort: Köln
Victor,

Recht hast Du - vor allem, wenn es um die Lebensumstände der Komponisten geht. Obwohl ich andererseits bei meinen Klavierschülern immer wieder dafür plädiere, sich auch mit der Biographie des Komponisten und mehr noch mit dem Lebensgefühl der jeweiligen Epoche zu beschäftigen. Die Bedeutung, die ein Gluck für die Oper des 18. Jahrhunderts hatte, wird erst deutlich, wenn man das Umfeld kennt. Das Geniale an Mozart - innerhalb der Konvention die Grenzen auszuloten - kann ich erst nachvollziehen, wenn ich um die Konventionen weiß. Aus unserer heutigen Sicht (mit dem Wissen um Chopin, Liszt und Rachmaninov) ist der dritte Satz der "Mondscheinsonate" ein nettes Stück Musik, in den Ohren der hammerflügelspielenden Zeitgenossen war es wohl brachiale Gewalt ...

Mitunter können Analysen durchaus hilfreich sein. Ich meine damit nicht die Aneinanderreihung von Akkordnamen und funktionstheoretischer Zuordnung. Das sehe ich bloß als eine Vorstufe an. Ich kann mich daran erinnern, hier im Forum einmal eine Analyse der Modulation im Con Brio der "Pathétique" gelesen zu haben, die nicht nur das "Wie", sondern auch das mögliche "Warum" sprachlich auf den Punkt brachte. Solche Analysen wünschte ich mir häufiger, wenn ich selbst trotz eifrigen Nachdenkens nur eine diffuse Ahnung von dem Plan einer Komposition habe.

Deswegen kann ich Dolcissma gut verstehen. Nur - meist muß man lange suchen, und häufig auch vergeblich ...

_________________
KoelnKlavier
Wolfgang Lempfrid
mailto: koelnklavier@web.de
web: www.koelnklavier.de


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BeitragVerfasst: 06.01.2006 16:21 
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Anfänger

Registriert: 04.01.2006 03:01
Beiträge: 49
Hallo Wolfgang,

daß man sich mit dem Drumherum des jeweiligen Komponisten beschäftigt, ist klar, in diesem Punkt bin ich durchaus einsichtig. Es gebietet allein schon das Interesse an der Sache selbst. Ich glaube nur, für die direkte Interpretation eines Stückes ist das unerheblich bis störend.

Ich kann mich daran erinnern, hier im Forum einmal eine Analyse der Modulation im Con Brio der "Pathétique" gelesen zu haben, die nicht nur das "Wie", sondern auch das mögliche "Warum" sprachlich auf den Punkt brachte.


Solange damit keiner behauptet, zu wissen, was Beethoven wirklich wollte, ist das eine feine und bereichernde Sache. Aber man sollte doch nicht vergessen, daß beim Komponieren nicht die Logik allein, Mutter des Gedankens ist. Es gibt ja immer verschiedene Wege, ein Ziel zu erreichen. Und etwa zu behaupten, Beethoven habe diesen oder jenen Weg genau aus diesen oder jenen Gründen gewählt, halte ich für fatal. Komponieren ist doch nicht n u r Handwerk. Ist es nicht auch einfach Inspiration und ein großes Stück Zufall, im Sinne von, die Lösung fällt einem zu, ohne sich beim Komponieren darüber klar zu sein, warum? Wo bleibt der Genickschlag der Muse?

Victor


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BeitragVerfasst: 07.01.2006 22:18 
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Anfänger

Registriert: 12.12.2005 19:07
Beiträge: 37
Hallo Victor, hallo Wolfgang,

Vielen Dank für Eure Antworten. Ich fühle mich gründlich mißverstanden, denn ich bin meilenweit davon entfernt, eine "Gebrauchsanweisung" für meine Interpretation zu erwarten. Es geht mir um ein lebendiges Bild, um ein Nachspüren der Intention des Komponisten, so weit dies überhaupt noch möglich ist.

Ich habe kürzlich im Radio gehört, daß in unserer urtextgläubigen Zeit viele Pianisten mozartsche Klavierwerke gemäß dem Urtext interpretieren und es als einen Eingriff empfinden würden, diese anders zu spielen. Was sie dabei nicht wissen, ist, daß die Werke s o damals nicht gespielt wurden; vielmehr wurde von damaligen Interpreten an geeigneten Stellen improvisiert und dies war vom Komponisten erwünscht.

Nikolaus Harnoncourt vertritt die Meinung, daß das Wichtigste n i c h t in den Noten steht. Frühere Komponisten komponierten für ihre Zeitgenossen, denen die Musizierpraxis ihrer Gegenwart vertraut war, so daß bestimmte Dinge, die im Notentext nicht erwähnt werden mußten, zum damaligen Allgemeinwissen gehörten. Unser Problem heute sei, daß es für viele Werke keine l ü c k e n l o s e Weitergabe von Generation zu Generation gibt, so daß wertvolles Wissen verlorenging. Diesem gälte es nun, so weit dies möglich, nachzuspüren.

Bei meiner Interpretation geht es mir nicht um eine sklavische Anpassung an das vom Komponisten Gewünschte, sondern um die ungeheure Inspiration, die von dem Wissen um dieses ausgeht. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Werk aus einem Nicht-Wissen heraus nach Belieben interpretiere oder die Interpretation b e w u ß t anders gestalte.


Liebe Grüße


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BeitragVerfasst: 08.01.2006 13:14 
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Kistenschlepper
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Registriert: 04.07.2005 11:54
Beiträge: 66
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Also zu einzelnen Werken gibt es sicher solche Literatur, allerdings kenne ich nur welche aus dem englischen Sprachraum. Ich habe gerade "Bach's Works for Violin" von Joel Lester gelesen, ein ungeheuer faszinierendes Buch, das Bachs Soloviolinwerke aus der Musiktheorie der Bachzeit heraus erklärt und analysiert und auch Hinweise enthält, wie man die Ergebnisse beim Spielen umsetzen kann. Ich bin kein Geiger, trotzdem hat mir dieses Buch sehr geholfen, eine tiefere Einsicht in Bachs Kompositionsprozess zu erlangen.

Ein ähnlich gutes Buch mit hilfreichen Analysen ist "The Beethoven Sonatas and the creative experience" von Kenneth Drake.

Auf deutsch ist mir leider bislang nichts Gleichartiges bekannt.


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BeitragVerfasst: 08.01.2006 21:45 
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Anfänger

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Beiträge: 37
@Jan: Vielen Dank für Deine Antwort. Die Anregungen nehme ich gerne auf.
Ich werde versuchen, das Buch von Lester in einer Bibliothek zu entleihen.

Liebe Grüße


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BeitragVerfasst: 08.01.2006 22:07 
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Kistenschlepper
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Registriert: 04.07.2005 11:54
Beiträge: 66
Wohnort: Mannheim
Kleine Ergänzung noch, das Buch heißt "Bach's Works for solo violin" , habe vorhin das "solo" vergessen. Ist wirklich sehr empfehlenswert, zu Lebensumständen des Komponisten enthält es allerdings eher wenig.


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BeitragVerfasst: 08.01.2006 22:39 
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Anfänger

Registriert: 12.12.2005 19:07
Beiträge: 37
@Jan:

zu Lebensumständen des Komponisten enthält es allerdings eher wenig.


Hatte ich mir schon gedacht. Erscheint mir dennoch sehr reizvoll.


Liebe Grüße


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