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Schon um 400 v. Chr. stellte Hippokrates fest: "Das menschliche Hirn ist zweigeteilt." Diese Aussage wurde im 19. Jh. bestätigt. Die linke Gehirnhälfte (mit dem Sitz des Sprachvermögens) arbeitet eher analytisch und verbal, die rechte Gehirnhälfte arbeitet ganzheitlich und nonverbal.
Mit anderen Worten: Die linke Hemisphäre sieht die Bäume, die rechte den Wald - die linke Hemisphäre spielt den Ton, die rechte macht Musik.
Notenlesen ist eine Angelegenheit der linken Hemisphäre. Sie ist zuständig für alles, was die Codierung oder die Entzifferung von Symbolen (wie z. B. der Notenschrift) betrifft. Theoretisch genügt die linke Gehirnhälfte zum Klavierspielen: Das Ergebnis ist aber dann doch ein rein mechanisches Tastendrücken, ein Abspielen von Einzeltönen, ohne musikalischen Zusammenhang.
Die rechte Gehirnhälfte liefert die Klangvorstellung, Vertiefung, ganzheitliches Erleben, Erholung und Entspannung. Ziel müsste es sein, mit dem wahrgenommenen Notenbild eine Klangvorstellung, ein inneres Hören zu verbinden, eine Vielzahl von Noten als ganzheitliche Melodie oder Harmonie zu erfassen.
Um dahin zu gelangen, ist es ein weiter Weg. Am besten, meine ich, geht das über das Singen. Die Umsetzung eines Notenbildes mit der Singstimme kann ohne Klangvorstellung und inneres Hören nicht funktionieren. Ähnlich ergeht es jenen, die sauber intonieren müssen, allen voran den Streichern, die ohne inneres Hören nicht wirklich sauber intonieren könnten.
Ich versuche deshalb im Klavierunterricht immer wieder, Themen und Motive eines Klavierstückes vor- oder nachsingen (summen) zu lassen, so weit dies in der jeweiligen Stimmlage möglich ist.
Oder eine kurze und einfache Melodie vorzusingen (bzw. mit verdeckten Tasten vorzuspielen), und die Schüler einzuladen, die Melodie auf dem Klavier nachzuspielen und dann evtl. aufzuschreiben. - Oder die Schüler sollen eine kurze Melodie improvisieren und dann sofort mehrmals wiederholen, also nicht zufälliges Tastendrücken praktizieren, sondern das Erfassen einer melodischen Struktur und Abfolge üben. Allenfalls soll die Melodie abschließend notiert und wieder gespielt werden.
Kurz zusammengefasst: Notenlesen nicht, um Einzelnoten in einen rein mechanischen Anschlag der richtigen Tasten umzuwandeln (linke Gehirnhälfte). Sondern um kleinere und grössere musikalische Strukturen und Gebilde (Motive, Themen, Melodien, Harmonien) zu erfassen, innerlich zu hören und über das Instrument wieder Klang werden zu lassen (rechte Gehirnhälfte).
Nachsatz eines Lehrers: Es ist in der Schule allemal leichter, Tonnamen einzupauken oder nach Noten einzelne Tasten finden zu lassen, als mit der Notenschrift auch gleichzeitig die richtige Klangvorstellung zu vermitteln, was vergleichsweise viel Zeit und Übung erfordert.
Liebe Grüße
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